Freizeitkrankheit – was tun?

Endlich Ferienzeit! Wir fiebern dem Urlaub schon seit Wochen entgegen und kaum hat er begonnen, bekommen wir tatsächlich Fieber. Hunderttausende werden an den Wochenenden oder in der Ferienzeit regelmäßig krank. Sie leiden z.B. unter Müdigkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Kopf- oder Rückenschmerzen bis hin zu depressiven Verstimmungen.

Der niederländische Psychologe Adrian Vingerhoets litt selbst unter diesem Phänomen und untersuchte es deshalb etwas genauer. Häufig erkranken Menschen, die viel privaten oder beruflichen Stress haben, die perfektionistisch veranlagt und sehr verantwortungsbewusst sind. Ihre Gedanken kreisen selbst in der Freizeit permanent um ihre Arbeit, ihre Probleme und ihre Sorgen um die Zukunft. Sie können nicht mehr abschalten und haben Schwierigkeiten, den Urlaub zu genießen. Bei der sog. „Leisure sickness“ (übersetzt: Freizeitkrankheit) gewöhnt sich der Körper daran, dauerhaft angespannt zu sein. Das ungewohnte Nichtstun erzeugt nun Stress und führt zu Unwohlsein.

Eine Klientin litt unter diesem Phänomen und glücklicherweise kann ich in der Vergangenheitsform schreiben. Heute geht es ihr gut – damals war sie erschöpft: Zu viel zu tun, zu wenig Zeit. Der Terminkalender war voll und sie sah buchstäblich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Somit ging ich mit ihr in den realen Wald. Dort kam sie zur Ruhe und erlebte sich intensiv im Hier und Jetzt. Mit Achtsamkeitsübungen gelang es ihr, sich ganz auf den Moment zu fokussieren und dadurch die Zeit intensiv zu erleben.

Das Erleben in der Natur hatte etwas in ihr angeregt. Dadurch veränderte sie nach und nach Kleinigkeiten in ihrem Alltag und bewirkte damit Großes.

Anfangs geht es darum nachzuspüren, wie wir unser Leben insgesamt gestalten und wie unsere freie Zeit (anders) verbringen wollen: „Was ist mir wirklich wichtig? Welche Aktivitäten bedeuten ein intensives Zeiterleben für mich? Wobei kann ich abschalten und auftanken?“

Meine Klientin liebt die Natur und sie liebt darüber hinaus Bewegung. Deshalb läuft sie nun mehrmals die Woche im Wald spazieren und tankt dabei Kraft. Durch diese neu gewonnene Energie ist wieder Raum für Kreativität und sie probiert in ihrer Freizeit plötzlich Dinge aus, die sie schon immer mal machen wollte, für die aber (gefühlt) keine Zeit war. Die Freizeitkrankheit gehört der Vergangenheit an.

Für weitere hilfreiche Tipps von Dr. Johannes Wimmer hier klicken

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Seneca

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Stressabbau

So kann Natur-Therapie helfen. Wie du den Wald nutzen kannst und deinen Wohlfühlort (am besten in der Nähe!) findest, erklärt die Natur-Therapeutin Sandra Knümann

Interview von Franziska Wolffheim („emotion“)

EMOTION: Frau Knümann, Sie bieten seit 25 Jahren Therapiestunden und Seminare in der Natur an. Muss man bei Ihnen eigentlich Bäume umarmen? Nein, bei mir muss man überhaupt nichts. Wenn jemand Lust hat, einen Baum zu umarmen oder mit ihm zu sprechen, darf er das natürlich gern tun. Aber es gibt keinen Zwang, denn jeder hat wirklich seinen eigenen Zugang zur Natur.

Wie sieht denn eine Natur-Therapiestunde mit Ihnen aus? Wir gehen erst einmal ein Stückchen schweigend zusammen. Die Klienten können dabei in sich hineinspüren, welches Thema für sie gerade eine Rolle spielt. Ein Klient hatte zum Beispiel großen Stress mit seinem Chef. Im Wald hat er dann versucht, diesem Stress genauer nachzugehen. Er hat ein Waldstück gefunden, wo es eine Mulde und einen kleinen Hügel gab, und hat mit Stöcken, Zapfen und Blättern die Hierarchien in seiner Firma nachgebaut. Am Ende sah er sich selbst ganz klein in der Mulde, der Chef war ein großer Fichtenzapfen, den er auf den Hügel gestellt hatte, weit über ihm. Erst da draußen im Wald ist ihm klargeworden, wie stark seine Unterlegenheitsgefühle sind, die ich dann glücklicherweise mit ihm zusammen bearbeiten konnte.

Hätte Ihr Klient nicht auch im klassischen Praxisraum darauf kommen können? Nicht in dieser Weise. Viele meiner Klienten wollen auch nach draußen, weil es ihnen leichter fällt zu reden, wenn sie sich bewegen und nicht so frontal angeschaut werden. Die Natur hilft ihnen, sich zu öffnen. Depressive Menschen empfinden sich innerlich oft als leblos, sie sehen keinen Sinn in ihrem Leben. Die Natur konfrontiert sie mit ihrer Lebendigkeit, sie haben das Gefühl, gehalten zu werden und geborgen zu sein.

Sollen Ihre Klienten ganz allein Bilder finden, die für sie passen, oder geben Sie ihnen Hinweise? Jeder kann nur ganz allein herausfinden, welche Bilder zu ihm passen. Bei schwierigen Entscheidungen biete ich aber manchmal an, eine Wegkreuzung als Metapher zu verwenden. Jeder Weg steht dann für eine Entscheidungsvariante. Indem der Klient beide Wege ein Stück weit geht und dabei aufmerksam auf die Umgebung und seine Reaktion achtet, gewinnt er häufig Klarheit. Wichtig ist, dass die Klienten mit einer offenen Haltung losgehen, ohne allzu konkrete Erwartungen. Plötzlich sieht man Bilder und Symbole, mit denen man gar nicht gerechnet hat und die etwas in einem klären können. Die Natur steckt voller Überraschungen – man muss sich nur darauf einlassen.

Warum ist der Kontakt zur Natur überhaupt so wichtig, wenn wir nach Entspannung suchen? Weil sich die Aufmerksamkeit verlagert, sie fließt von meinen Sorgen und Befindlichkeiten nach außen, dadurch bekomme ich Distanz. Im Alltag sind wir meistens sehr fokussiert und zielgerichtet. Wir meinen, alles kontrollieren und im Griff haben zu müssen, wir kreisen um uns selbst, um unsere Probleme, die Aufgaben, die zu bewältigen sind. Wir glauben, immer eine Meinung zu allem haben zu müssen. Auf Dauer ist es aber sehr anstrengend, diese Ich-Spannung, wie es in der Psychologie heißt, aufrechtzuerhalten. In der Natur ist das nicht nötig, wir können uns treiben lassen, unsere Aufmerksamkeit ist nicht gerichtet, sondern darf umherschweifen. Dadurch haben wir auch mehr Zugang zu unserem kreativen Potenzial. Wenn wir ständig eine Aufgabe nach der anderen erledigen, leidet unsere Kreativität.

Ich habe heute den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen und war nur kurz draußen, um einzukaufen. Habe ich aus Ihrer Sicht alles falsch gemacht? Ich wäre da nicht so streng. Aber sicherlich ist es gut, wenn man sich den Kontakt zur Natur jeden Tag ein bisschen bewahren kann, wir Menschen sind ja selbst Natur und vergessen das häufig. Ich habe das Glück, dass ich den Wald gleich um die Ecke habe. Doch auch in der Großstadt gibt es Parks, Seen und Flüsse, wo man sich erholen kann. Wenn man nicht so viel Zeit hat, kann man zumindest den Blick auf ein besonderes Detail richten. Das können die blühenden Krokusse sein, die Knospen an den Bäumen oder die rötliche Wolke am Abendhimmel. Wenn man achtsam ist und genau hinschaut, kann die kleine Blume plötzlich ganz groß werden.

Wieso fällt es uns in der Natur leichter, die Gedanken fließen zu lassen? Weil hier alle unsere Sinne angesprochen werden. Ich kann mir Blätter anschauen, den Vögeln zuhören, die Gerüche der Bäume wahrnehmen, das Moos berühren oder eine Walderdbeere in den Mund stecken. Je mehr ich mich meinen Eindrücken hingebe, umso lebendiger fühle ich mich und kann mich öffnen.

Manche Menschen haben aber erst mal große Schwierigkeiten, loszulassen, sich von ihrem Alltag zu entkoppeln. Das stimmt, viele meinen, ständig etwas machen zu müssen. Ich empfehle dann, sich etwas in der Natur zu suchen, das sich deutlich sichtbar bewegt. Wir können uns zum Beispiel an einen Bach setzen und zuschauen, wie das Wasser fließt, ganz von allein. Wir können die Blätter beobachten, die im Herbst von den Bäumen fallen. Wir müssen gar nichts dabei tun, die Natur macht das von selbst. Dieses Beobachten und Nichts-tun-Müssen kann sehr entspannend und entlastend sein.

Ein neuer Gesundheitstrend, der aus Japan kommt, heißt „Waldbaden“. Ist das nur eine Mode für entnervte Städter oder gibt es dafür einen wissenschaftlichen Hintergrund?
Tatsächlich geht man davon aus, dass der Wald eine heilende Wirkung auf den Menschen hat. Studien haben ergeben, dass die Pflanzen im Wald chemische Verbindungen, sogenannte Terpene, in die Luft abgeben, um miteinander zu kommunizieren. Von diesen Terpenen profitieren auch wir Menschen, denn sie aktivieren unsere natürlichen Killerzellen und stärken damit das Immunsystem. Darüber hinaus weiß man schon länger, dass die Natur eine positive Wirkung auf Körper und Geist hat: Der Blutdruck sinkt, das Stresshormon Kortisol wird abgebaut, das Angst- und Depressionsniveau nimmt ab.

Welche Landschaft hilft am besten, um zur Ruhe zu kommen: Wald, Meer, Berge oder Wüste?
Jede Landschaft hat ihre eigenen Qualitäten. Das Meer bietet Freiheit und Weite, der Wald eher Geborgenheit. Zur Ruhe kommen kann man überall. Viel wichtiger finde ich, dass wir Wohlfühlorte in unserer Nähe finden, statt auf der Suche nach dem Paradies um die ganze Welt zu jetten. Wenn mein Bauchgefühl mir sagt, dass ich gerade viel Luft und Weite brauche, kann ich auf einen Hügel oder ans Flussufer gehen. Wenn mir eher danach zumute ist, mich zu verkriechen, lasse ich mich vom Wald verschlucken. Und dann gibt es ja noch jede Menge Zwischentöne, die wundervoll sein können, etwa lichte Wälder oder schroffe Küsten.

Link zum Interview von Franziska Wolffheim von der Zeitschrift „emotion“ (23.07.2018) hier klicken

Mehr über Sandra Knümann: www.pan-praxis.de

Urlaub fürs Oberstübchen

Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Basisleistungen unseres Gehirns. Wir müssen überall aufmerksam sein – sei es in der Schule, bei der Arbeit, im Haushalt oder Straßenverkehr.

„Beim Autofahren werden alle Teilprozesse der Aufmerksamkeit kontinuierlich benötigt. Man muss wachsam sein (Arousal), die Aufmerksamkeit auf einen Reiz auf der Straße konzentrieren können (fokussierte Aufmerksamkeit), über einen langen Zeitraum aufmerksam sein (Daueraufmerksamkeit), Ablenkungen durch irrelevante Reize verhindern (selektive Aufmerksamkeit), die Aufmerksamkeit von einer Fahrbahn auf die andere, zum Spiegel und zurück zur Fahrbahn lenken können (alternierende Aufmerksamkeit) und fähig sein, gleichzeitig alle Tätigkeiten, die für das Fahren nötig sind, auszuüben: die Pedale betätigen, das Lenkrad steuern, den Gang verändern (geteilte Aufmerksamkeit).“ (https://www.cognifit.com/de/aufmerksamkeit)

Ein alltäglicher Vorgang, der in dieser Beschreibung plötzlich ganz schön komplex & anstrengend klingt, nicht wahr!? Erstaunlich, was wir jeden Tag leisten! Und doch ist es für viele wie selbstverständlich.
Wirklich schätzen können wir diese Fähigkeit häufig erst dann, wenn wir sie – aus welchen Gründen auch immer – einmal verloren haben.

Vor über 10 Jahren musste ich diese Erfahrung machen, nachdem ich durch einen Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte. Buchstäblich war mit einem Schlag alles anders und glücklicherweise hatte ich schon damals einen guten Draht zu „Doktor Natur“. Vom Krankenbett aus konnte ich einen Baum beobachten – er war aufrecht und im Gleichgewicht. Ein Symbol für Leben, Kraft und Standhaftigkeit. Sein Anblick war Balsam für meinen Körper und meine Seele. Die heilsame Wirkung dieses „Baumblicks“ ist übrigens wissenschaftlich erwiesen, was ich zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste.

Später zog es mich hinaus in die Natur und ich lief langsame und achtsame Runden im Wald. Die Ärzte waren über meine rasche Genesung gleichermaßen erstaunt und positiv überrascht. Ich hatte instinktiv die richtige „Wald-Medizin“ für mich gefunden, durch die mir die Einnahme von Medikamenten erspart blieb. Naturerfahrungen können Schmerzen lindern – auch das ist wissenschaftlich belegt.

Nach einigen Monaten bekam ich das Okay meines Neurologen und setzte mich wieder hinters Lenkrad. In diesem Moment wurden mir die o.g. „Teilprozesse der Aufmerksamkeit“ so bewusst wie nie zuvor. Die 75PS meines PKW fühlten sich plötzlich gewaltig an und ich kam mir vor wie in einem Formel-1-Rennwagen. Anfangs fuhr ich wie eine Fahrschülerin in der ersten Fahrstunde, doch recht bald kehrte meine alte Sicherheit zurück. Trotzdem war diese „gerichtete Aufmerksamkeit“ im Straßenverkehr anstrengend. Deshalb legte ich nur kurze Strecken zurück: mit meinem Hund zum Waldrand und nach dem Spaziergang wieder nach Hause zurück. Zwischen den beiden Fahrten erholte ich mich im „großen Grün“. Denn dort spielte eine ganz andere Form der Aufmerksamkeit eine Rolle: die Naturfaszination.

Über diese schreibt Clemens G. Arvay in seinem Buch „Der Biophilia Effekt“: „William James und die beiden Psychologen Rachel und Stephen Kaplan haben herausgefunden, dass Naturfaszination als eine besondere Form der Aufmerksamkeit dazu führt, dass sich unsere Kapazität für die gerichtete Aufmerksamkeit, die wir im Alltag, in der Schule und im Beruf benötigen, wieder erholen kann. Daher sprechen sie von der Aufmerksamkeits-Wiederherstellung… Wenn wir uns von der Natur faszinieren lassen, was ganz automatisch geschieht, sobald wir uns mit geöffneten Sinnen durch die Landschaft bewegen, kann die gerichtete Aufmerksamkeit ruhen, wird durch Faszination abgelöst…“

Am vergangenen Wochenende zog mich eine Blumenwiese am Waldrand förmlich an. Sie faszinierte mich! Ich betrachtete jede Blüte und war begeistert von diesem Anblick. Jede für sich ein Kunstwerk – ein Wunder der Natur. Die Krönung waren die unzähligen Besucher, deren Anblick heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist: Bienen sammelten eifrig Pollen, Schmetterlinge tranken Nektar. Wie ein Kind vergaß ich alles um mich herum und darüber hinaus sogar die Zeit. Irgendwann lief ich schließlich doch noch in den Wald und inspiriert durch die soeben gemachte Erfahrung, begab ich mich auf Blumensuche. Erstaunlich was man alles entdeckt, wenn man achtsam unterwegs ist.

Ob im Wald, auf weiten Wiesen, in den Bergen, am Meer oder im Blütenmeer – die Schönheit der Natur präsentiert sich vielfältig. Wer sich mit offenen Augen in ihr bewegt, kann bei jedem Spaziergang kleine Wunder entdecken, dabei entspannen und Kraft tanken. Regelmäßige Aufenthalte in der Natur mindern das Risiko für Krankheiten, senken psychischen Stress und stärken die geistige Leistung. Die Wissenschaftler sind sich einig: Natur ist das beste Heilmittel für unseren strapazierten Denkapparat.

Naturtherapie – tierisch gut erklärt

Vom Nutzen des Scheiterns

Scheitern ist mit Angst und Scham besetzt. Es zieht runter, ist schmerzvoll und macht traurig. Aber es ist nun mal unvermeidbarer Bestandteil unseres Lebens. Wenn man keine Fehler macht, lernt man nicht. Als Baby sind wir unzählige Male auf den Hintern geplumpst ohne dadurch in Selbstzweifel zu verfallen. Wer Fehler macht lernt dazu, entwickelt sich und kann schließlich das Scheitern doch noch in einen Erfolg verwandeln.

Heute möchte ich euch die Rede von J. K. Rowling ans Herz legen, die sie 2008 vor den Harvard-Absolventen gehalten hat. Schon der Beginn des Videos ist bemerkenswert: Die eher introvertierte Autorin nimmt ihre Panik als Einstieg, übertreibt die Selbstironie, hat die Lacher auf ihrer Seite und im Handumdrehen die Herzen der Zuhörer gewonnen.

Sehr geehrter Präsident XY, liebe Lehrer, Eltern und vor allem liebe Studienabgänger,

das erste, was ich gerne sagen würde, ist Danke. Danke für die Gelegenheit, hier sprechen zu dürfen. Es ist nicht nur eine enorme Ehre an sich, sondern die vielen Wochen Angst und Magenschmerzen, die ich durchgemacht habe, haben mir auch geholfen, Gewicht zu verlieren. Eine echte win-win-Situation. Jetzt muss ich nur noch tief einatmen, mir die roten Banner hier ansehen, und mir einreden, dass ich bei der weltgrössten Gryffindor-Versammlung bin! (Gelächter)

Eine Rede vor Uni-Absolventen zu halten ist eine enorme Verantwortung – oder jedenfalls dachte ich das….. bis ich mich an meine eigene Abschlussfeier erinnert habe. Die Sprecherin damals war die bekannte britische Philosophin Baroness Mary Warnock. Und ihre Rede hat mir sehr geholfen, diese Rede hier zu schreiben. Denn leider kann ich mich an kein einziges ihrer Worte erinnern! Also kann ich hier oben stehen und weitermachen, ohne viel Angst haben zu müssen, dass ich euch unabsichtlich beeinflussen könnte, eure aussichtsreichen Karrieren im Bereich Business, Recht oder Politik aufzugeben für die aufregende Aussicht, ein schwuler Zauberer zu werden. (Gelächter)

Wisst ihr, wenn ihr euch in 20 Jahren nur noch an meinen Witz mit dem schwulen Zauberer erinnert, dann bin ich schon besser gewesen als Baroness Mary Warnock! Erreichbare Ziele sind eben doch der erste Schritt, um sich selbst zu verbessern.

Aber mal im Ernst: Ich habe mir Kopf und Herz zerbrochen, was ich zu euch sagen soll. Ich habe mich gefragt, was ich selbst gerne bei meinem Abschluss gewusst hätte, und was ich nun in den 21 Jahren seit diesem Tag gelernt habe. Ich habe zwei Antworten: An diesem wunderbaren Tag, wo wir euren Erfolg feiern, möchte ich mit euch über die Vorzüge des Scheitern sprechen. Denn während ihr jetzt an diesem Abgrund steht, an dem das “richtige Leben” beginnt, möchte ich die absolute Wichtigkeit der Vorstellungskraft betonen. Das mag jetzt verwirrend oder paradox klingen, aber gebt mir einen Moment Zeit.

Auf das 21-jährige Mädchen zurückzuschauen, ist ein bisschen ungemütlich für die 42-jährige, die daraus geworden ist. Ein halbes Leben ist es her, dass ich mich irgendwo zwischen dem befand, was ich mir erträumte, und dem, was meine Eltern von mir erwarteten.

Ich war überzeugt, dass das einzige, was ich jemals tun wollte, Geschichten schreiben ist. Meine Eltern aber, die beide arm geboren und nie an der Uni gewesen waren, meinten, meine hyperaktive Phantasie sei eine nette kleine Beigabe meiner Persönlichkeit, die aber niemals eine Hausrate bezahlen oder meine Rente verdienen würde. Ich weiß, JETZT wirkt das ganze ironisch, aber damals…..
Sie wollten jedenfalls, dass ich einen ganz normalen Abschluss machte, während ich englische Literatur studieren wollte. Der Kompromiss zwischen uns – der am Ende keinen von uns glücklich machte – hieß “moderne Sprachen”.

Aber kaum war am ersten Tag das Auto mit meinen Eltern um die nächste Ecke verschwunden, strich ich Deutsch wieder aus meinem Lehrplan und entdeckte einen Haufen alte Sprachen. Ich kann mich nicht erinnern, ihnen das jemals gebeichtet zu haben. Ich fürchte sogar, sie fanden es erst am Tag meines Abschlusses heraus. Und von allen Studienfächern dieser Welt hätten sie wahrscheinlich keinen gefunden, der in ihren Augen schlechter dafür geeignet war, um mit den großen, schwerreichen Jungs zu pissen. Ich würde hier gerne einschieben, dass ich meinen Eltern keine Schuld für ihre Sichtweisen gebe. Der Hass auf die Entscheidungen, die die eigenen Eltern für einen machen, hat definitiv ein Verfallsdatum. In dem Moment, in dem ihr ein Lenkrad bedienen dürft, liegt die Verantwortung nun einmal bei euch, Punkt. Außerdem kann ich meine Eltern nicht dafür kritisieren, dass sie versuchten, mir Armut und Geldsorgen zu ersparen. Sie waren Zeit ihres Lebens arm, und ich war es auch. Und ich sage euch: Das ist keine erhebende Erfahrung. Armut bedeutet Angst und Stress und vielleicht sogar Depressionen. Armut bedeutet 1000 kleine Demütigungen und Nöte. Aus eigener Kraft aus der Armut herauszukommen, dass ist etwas, auf das man enorm stolz sein kann. Aber die Armut als solches wird nur von Narren romantisiert.

Für mich selbst fürchtete ich Anfang 20 aber nicht Armut am meisten, sondern Versagen. In eurem Alter – und trotz der Tatsache, dass ich lieber in der Cafeteria Geschichten schrieb als in der Vorlesung zu sitzen – hatte ich doch ein Händchen für die Tests. Viele Jahre lang war meine Messlatte für Erfolg also mein Notenschnitt. Ich nehme aber nicht an, dass ihr, nur weil ihr jung, talentiert und gut ausgebildet seid, nie Nöte oder ein gebrochenes Herz hattet. Talent und Intelligenz haben noch nie irgendjemanden gegen die Launenhaftigkeit des Schicksals immunisiert, und ich glaube auch nicht für eine Sekunde, dass ihr alle hier bisher nur ein Leben im privilegierten, sorgenlosen Überfluss geführt habt. Aber: Die Tatsache, dass ihr einen Harvard-Abschluss macht, scheint zu bedeuten, dass ihr das Versagen noch nicht sehr gut kennt. Die Angst vor dem Versagen treibt euch wahrscheinlich ebenso stark an wie die Aussicht auf Erfolg. Und vielleicht ist eure Definition von Versagen gar nicht mal zu weit entfernt von dem, was ein anderer Erfolg nennen würde. Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, was für ihn Erfolg bedeutet, aber die Welt gibt euch nur zu gerne ein paar Kriterien dafür, wenn ihr sie lasst. Also finde ich es nur fair, zu sagen, dass ich sieben Jahre nach meinem Abschluss größtmöglich versagt hatte. Eine extrem kurze Ehe war zu ende, ich hatte keinen Job, war alleinerziehend und so arm, wie man in England nur sein kann, wenn man immerhin noch ein Dach über dem Kopf hat. Die Ängste, die meine Eltern um mich gehabt hatten, und die, die ich selbst hatte, waren alle wahr geworden. Ich war die größte Versagerin in meinem kompletten Bekanntenkreis. Ich werde mich nicht hier hinstellen und euch sagen, dass Scheitern spaßig ist. Das war eine sehr dunkle Zeit in meinem Leben und ich hatte ja noch keine Ahnung, dass mein “märchenhafter Aufstieg” noch kommen sollte. Ich hatte keine Ahnung, wie lang dieser Tunnel noch ist. und lange Zeit konnte ich nur auf ein Ende hoffen.

Also warum rede ich vom Scheitern? Das Scheitern ist für mich, der Moment, wo du dich auf das wesentliche konzentrierst. Alles, was nicht absolut wichtig ist, fällt von dir ab. Ich für meinen Teil habe an diesem Moment aufgehört, mir etwas vorzumachen. Und ich habe nur noch das getan, was für mich zählte. Die einzige Arbeit zu verrichten, die für mich zählte. Hätte irgendetwas anderes in meinem Leben funktioniert, dann hätte ich vielleicht nie diesen Fokus gefunden auf das Feld, in dem ich mich am heimischsten fühlte. Ich war plötzlich frei, denn meine schlimmsten Ängste hatten sich ja bereits materialisiert. Aber ich war noch am Leben und ich hatte immer noch meine süße Tochter. Und ich hatte meine alte Schreibmaschine und eine große Idee in meinem Kopf. Und so wurde der harte Felsen, auf dem ich saß, das Fundament, auf den ich mein Leben wieder aufbauen konnte. Ihr versagt vielleicht niemals so kolossal wie ich, aber eine Rückschläge sind im Leben unausweichlich. Es ist sogar unmöglich, zu leben, ohne in IRGENDETWAS zu versagen. Es sei denn natürlich, ihr lebt so vorsichtig, dass man es gar nicht Leben nennen kann. Dieser Fall ist sogar noch schlimmer, denn dann ist die Unfähigkeit zu Leben ja leider ein einziger, andauernder Misserfolg. Zu scheitern hat mir eine innere Sicherheit gegeben, die mir meine Examen nie geben konnten. Zu scheitern hat mich Dinge gelehrt, die ich anders gar nicht hätte lernen können. Ich habe gelernt, dass ich einen verdammt starken Willen habe, und mehr Disziplin als ich vermutet hatte. Und Freunde, die mehr wert waren als jeder Edelstein dieser Welt. Das Wissen, dass du dich einmal von einem Rückschlag erholt hast, und dadurch stärker und weiser geworden bist, macht dich unangreifbar für den Schrecken weiterer Fehlschläge. Du wirst dich und deine Beziehung niemals ganz kennenlernen, bis nicht beide sehr strapaziert wurden. In diesem Sinne ist Scheitern wertvoll – mehr wert als jedes Zertifikat, das ich jemals erworben habe.

Ich würde meinem jüngeren Ich also sagen: Das Leben ist keine Checkliste, die du abarbeiten musst. Deine Abschlüsse und dein Lebenslauf sind nicht dein Leben – obwohl du viele Menschen treffen wirst, die das immer noch verwechseln. Das Leben ist schwierig und kompliziert, und jenseits von totaler Kontrolle. Das Wissen um diese Tatsachen wird euch ermöglichen, die Untiefen zu überleben.

Ihr nehmt nun wahrscheinlich an, dass ich mein zweites Thema – die Phantasie – deswegen gewählt habe, weil sie mir den Ausweg aus meiner Situation verschaffte. Dem ist aber nicht ganz so – obwohl ich den Wert einer Gute-Nacht-Geschichte bis zu meinem letzten Atemzug verteidigen würde. Ich habe die menschliche Vorstellungskraft aber in einem viel weiteren Sinn gemeint. Unsere Vorstellungskraft ermöglicht es uns nicht nur, uns bildlich vorzustellen, was noch nicht existiert (und daher die Kraft hinter alles Erfindungen und Innovationen). In ihrem weitesten Sinne ermöglicht uns erst unsere Vorstellungskraft, denjenigen gegenüber Mitgefühl zu zeigen, deren Nöte wir noch nie hatten.

Einer meiner ersten Jobs – den ich mittags zu ausgedehnten Schreibpausen verließ – war bei Amnesty International in London. In meinem kleinen Büro las ich hastig gekritzelte Zettel von Menschen aus totalitären Regimen, die ihren Kopf riskierten und dennoch die Außenwelt über ihre Lage zu informieren versuchten. Ich habe unzählige Fotos von Vermissten gesehen, eingesendet von den Familien. Ich habe Folterberichte gelesen und die dazugehörigen Fotos gesehen. Scheinverhandlungen verfolgt und Zusammenfassungen von Exekutionen studiert. Berichte von Entführungen und Vergewaltigungen.

Ich werde nie den jungen Mann vergessen, den ich dort getroffen habe. Er war damals genau so alt wie ich und geisteskrank geworden durch alles, was er in seinem afrikanischen Heimatland an Folter hatte ertragen müssen. Er sprach zitternd in eine Videokamera und erzählte von dem Grauen, das er erlebt hatte. Er war viele Zentimeter größer als ich, und trotzdem fragil wie ein Kleinkind.
Dort bei Amnesty habe ich zum ersten Mal einen Schrei gehört, den ich niemals vergessen werde. Er kam aus einem der Büros, wo ein Mitarbeiter gerade diesem Flüchtling klarmachen musste, dass seine Mutter hingerichtet worden war – als Strafe für alles, was er uns erzählt hatte.

Jeden Tag in meinem jungen Leben wurde ich daran erinnert, dass ich unheimliches Glück habe. Glück, in einem demokratischen Land zu leben, wo Jedermann ein Recht auf einen fairen Prozess und polizeiliche Hilfe hat. Jeden Tag sah ich, wozu Menschen fähig sind, wenn sie Macht erhalten oder behalten wollen. Ich habe Albträume bekommen von allem, was ich dort täglich sah, hörte und las. Und trotzdem lernte ich auch mehr über menschliche Güte als jemals zuvor. Amnesty mobilisiert Tausende Freiwillige, die immer sicher in ihrem Land waren, um im Namen derer zu sprechen, die es nicht sind. Die Kraft, die Menschen in ihrer Zusammenarbeit entwickeln können, rettet Leben und befreit Gefangene. Ganz normale Leute, die sich um nichts sorgen müssten, treten massenweise zusammen, um Menschen zu retten, die sie noch nie gesehen haben und die sie niemals kennenlernen werden. Mein kleiner Anteil an diesen Vorgängen waren einige der inspirierendsten und demütigsten Erfahrungen meines Lebens. Denn als einziges Lebewesen auf dem Planeten können Menschen sich Dinge vorstellen, die sie nicht selbst erlebt haben. Sie können sich in die Situation anderer hineindenken. Natürlich ist das eine Magie, die erst einmal moralisch neutral ist. Ebenso kann man diese Fähigkeit dazu einsetzen, um andere zu manipulieren und zu kontrollieren. Wieder andere nutzen ihre Vorstellungskraft lieber überhaupt nicht und stellen sich niemals vor, wie es wäre, unter anderen Umständen geboren worden zu sein. Diese Menschen können Schreie einfach ignorieren. Sie schauen nicht in Käfige und verschließen ihre Köpfe und ihre Herzen lieber vor allen Sorgen außer den eigenen. Diese Menschen können es ablehnen, zu wissen.

Ich wäre vielleicht neidisch auf solche Leute, aber ich glaube nicht daran, dass sie weniger Albträume haben als ich. Wer in der Enge seines eigenen Geistes lebt, der bekommt schnell Angst vor weiten Räumen [Agoraphobia= Gegenteil von Platzangst], und das ist seine ganz eigene Folter. Ich glaube sogar, die absichtlich phantasielosen sehen MEHR Monster, haben mehr Angst. Und zudem ermöglichen sie echten Monstern, ihre Gräueltaten weiterhin ungehindert auszuüben. Zwar richten sie selbst kein unaussprechliches Übel an, aber sie sind durch ihre Apathie doch stillschweigende Kollaborateure damit.

Plutarch, einer dieser alten Griechen am Ende langer Uni-Gänge, brachte mir bei:

“Was du im Inneren erreichst, wird das Außen verändern.”

Das ist ein erstaunlicher Satz und seine Richtigkeit wird jeden Tag tausendfach belegt. Er beweist unsere unausweichliche Verbindung mit der Welt um uns herum und dass wir das Leben anderer beeinflussen, einfach weil wir existieren.

Aber wie wahrscheinlich werdet ihr, liebe Harvard-Abgänger von 2008, die Leben von anderen beeinflussen? Eure Intelligenz, eure Bereitschaft zu harter Arbeit, eure gute Ausbildung geben euch einen hohen Status UND eine große Verantwortung. Selbst eure Nationalität hebt euch deutlich von anderen ab. Ihr seid Teil der letzten großen Weltmacht. Wie ihr wählt, gegen was ihr protestiert und für wen ihr kämpft hat weitreichende Folgen jenseits eurer Grenzen. Das ist euer Privileg und eure Last.
Wenn ihr diesen Status einsetzt, um für die zu sprechen, die keine Stimme haben;
wenn ihr euch nicht nur mit den Starken, sondern auch mit den Schwachen seid;
wenn ihr eure Fähigkeit behaltet, euch in die hinein zu versetzen, die nicht eure Vorteile im Leben hatten, dann werden nicht nur eure stolzen Familien eure Existenz feiern, sondern Tausende – oder Millionen – Menschen, deren Leben ihr verändert habt.

Wir brauchen keine Magie, um unsere Welt zu verändern. Wir tragen alles, was wir brauchen bereits in uns. Wir haben die Macht, uns etwas besseres vorzustellen.

Ich habe eine letzte Hoffnung für euch, die ich auch mit 21 schon hatte: Die Freunde von meinem letzten Tag an der Uni sind meine Freunde fürs Leben geworden. Sie sind die Pateneltern meiner Kinder, meine Anker in stürmischen Zeiten. Freunde, die mich sogar ihre Namen haben verwenden lassen für Todesser, ohne mich zu verklagen. Wir waren damals vereint durch dieses tolle Erlebnis des Studienabschlusses, das ja nie wieder kommen würde, und fantastisches Bildmaterial, um diejenigen von uns zu erpressen, die Premierminister werden wollen könnten. (Gelächter). Also wünsche ich euch heute von Herzen solche Freunde. Und morgen, selbst wenn ihr euch an keines meiner Worte erinnert, erinnert euch wenigstens an die von Seneca, einem dieser anderen verstaubten alten Geister, die ich in der Bibliothek traf auf der Suche nach alten Weisheiten.

“So wie eine Geschichte ist, so ist auch das Leben. Es geht nicht darum, wie lang es ist, sondern wie gut es ist.” 

Ich wünsche euch allen ein sehr gutes Leben. Vielen Dank. (Standing ovations.)

Gefunden auf: www.schreib-dich-thot.de