Stille

Nimm dir Zeit

Waldweihnacht II

Mein Leben ist ein Puzzle

„Mein Leben ist ein Puzzle. Viele Teile suchen einen Zusammenhang. Ich finde den Rahmen, die Ecken die zusammenhalten. Entdecke, was mir Form, Gestalt und Aussehen gibt.

Ich schaue mir ein Teil nach dem anderen genau an. Versuche, meine Eigenschaften, Fähigkeiten und Stärken in Beziehung zu bringen. Decke Einzelteile auf, ordne ein, verstehe. Sehe, wie das Bild langsam wächst.

Es braucht einen langen Atem, eins nach dem anderen zu finden. Wahrzunehmen, was jetzt zusammen passt. Teile liegen zu lassen, bis sie sich einfügen können. Zu sehen, was zu meinem Bild gehört. Das Eigene und das Fremde zu unterscheiden.

Und mit viel Geduld und Liebe kommt mir allmählich das Ganze entgegen.“

Diese Zeilen von Almut Haneberg begleiten mich schon seit einigen Jahren. Auf unserem Lebensweg sammeln wir Tag für Tag neue Puzzleteile.

In Form von Menschen, denen wir begegnen.
Von Orten, die wir besuchen.
Dingen, die wir konsumieren.
Entscheidungen, die wir treffen.

Aber auch in Form von unseren Gedanken, unseren Worten, unseren Handlungen und unseren Gewohnheiten. Wir selbst sind verantwortlich für das entstehende Bild.

Einige Puzzleteile finden recht schnell ihren Platz und bei anderen dauert es eine Weile um zu entdecken, wo sie hingehören. Darüber hinaus gibt es auch Teile, die irgendwie nirgendwo passen wollen – bei denen wir probieren, sie weglegen, erneut probieren und wieder weglegen. Es gibt schlimme Ereignisse im Leben, die wir nur schwer eingeordnet kriegen.

Manchmal sitzen wir vor einem Berg von Teilen und wissen nicht, wie wir diese alle unterbringen sollen. Dann ist es Zeit innezuhalten und etwas Abstand zu nehmen. Aus der Distanz können wir uns einen Überblick und Klarheit verschaffen.

Mitunter fehlt uns ein verlorenes Teil und es erfordert etwas Mut, um uns auf die Suche danach zu begeben. Wenn wir es dann endlich (wieder-)gefunden haben, können wir mit einem guten Gefühl auf das neu entstandene Bild blicken. Mit viel Geduld und Liebe kommen wir uns selbst allmählich näher und am Ende findet jedes Puzzleteil seinen Platz.

Waldweihnacht I

Der Dezember

Das Jahr ward alt. Hat dünne Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, daß man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

Erich Kästner