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Neuanfang

Gewohnheiten, Verhaltens- und Denkmuster, die wir jahrelang gelernt und wiederholt haben, lassen sich nicht von jetzt auf nachher ändern. Wenn starre Automatismen unser (Er-)Leben bestimmen, gilt es diese erst einmal zu erkennen und schließlich zu lockern. Schritt für Schritt. Diese Lockerung führt zu einer Entwicklung weg von eingefahrenen Strukturen hin zu Lebendigkeit, Offenheit und Freiheit.

„Autobiographie in 5 Kapiteln“ – von Portia Nelson

Kapitel 1

Ich gehe die Straße entlang.

Im Gehsteig ist ein tiefes Loch.

Ich falle hinein. Ich bin ratlos und hilflos,

aber es hat nichts mit mir zu tun.

Es dauert endlos lange, wieder herauszufinden.

Kapitel 2

Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Im Gehsteig ist ein tiefes Loch.

Ich tue so, als ob ich es nicht sähe und falle wieder hinein. Ich kann nicht glauben, dass ich mich wieder in dieser Situation befinde, aber sie hat nichts mit mir zu tun.

Es dauert immer noch lange, herauszukommen.

Kapitel 3

Ich gehe dieselbe Straße entlang.

Im Gehsteig ist ein tiefes Loch. Ich sehe, dass es da ist. Ich falle hinein. Es ist schon eine Gewohnheit, aber

ich habe meine Augen dabei weit geöffnet.

Ich weiß wo ich mich befinde.

Diese Situation hat sehr viel mit mir zu tun.

Ich klettere sofort heraus.

Kapitel 4

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Im Gehsteig ist ein tiefes Loch. Ich gehe daran vorbei.

Kapitel 5

Ich gehe eine andere Straße entlang.

 

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Schuld integrieren

Ich bekenne mich sofort schuldig, dass dieser Beitrag etwas einseitig wird 😉 Zu meiner Entschuldigung kann ich sagen, dass das heutige Thema „Schuld“ sehr komplex ist, da es eng mit religiösen, juristischen, moralischen, psychologischen,… etc. Vorstellungen verknüpft ist 😇 Deshalb nenne ich nur einen Teilaspekt, der mir in der Praxis immer wieder begegnet. Es geht mir dabei in erster Linie darum ansatzweise zu erläutern, wie Schuldgefühle entstehen und wie sie sich auf unser Leben auswirken können.
 
Viele von uns plagen sich irgendwann einmal mit Schuldgefühlen, weil wir etwas getan oder nicht getan, gesagt oder nicht gesagt haben. Eine Schuld entsteht, wenn wir ein juristisches, moralisches oder allgemein anerkanntes Gesetz brechen. Ein Schuldgefühl entsteht aber nur dann, wenn wir diese – geschriebenen oder ungeschriebenen – Gesetze auch verinnerlicht haben. Wenn wir glauben, etwas falsch gemacht zu haben oder für etwas Negatives verantwortlich zu sein. In der Folge verurteilen wir uns selbst.
 
Es gibt „gesunde/berechtigte Schuldgefühle“ mit tatsächlicher Schuld (ohne diese die Welt schnell im Chaos versinken würde). Wenn wir Grenzen überschritten, jemandem Schaden, Schmerz oder Unrecht zugefügt haben. Es gibt aber auch „ungesunde/unberechtigte Schuldgefühle“ ohne wirkliches Fehlverhalten. Aufgrund innerer Konflikte haben wir lediglich das Gefühl, schuldig geworden zu sein.
 
Kinder glauben häufig zu Unrecht, dass sie etwas verursacht haben oder etwas hätten verhindern können. Als Erwachsene kämpfen Menschen dann mit unbewussten Schuldgefühlen, deren Wurzeln in der Kindheit und Jugend liegen.
 
➡️ Laut des bekannten Psychoanalytikers Erik Erikson tritt das Schuldgefühl zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr in unser Leben. Bereits der Fötus im Mutterleib spürt, ob sich die Eltern über das Geschlecht des Kindes freuen oder nicht. Wenn die Realität nicht dem Wunsch entspricht und dies ein oder beide Elternteile sehr traurig macht, spricht man heute von „Gender disappointment“ – der Enttäuschung über das Babygeschlecht. Negative Gefühle der Mutter übertragen sich auf das Ungeborene. Später haben die Kinder feine Antennen, wie die Menschen in ihrem Umfeld zu ihnen eingestellt sind. Das falsche Geschlecht zu haben – was nach wie vor häufiger bei Mädchen der Fall ist – führt bei vielen Kindern dazu, dass sie sich später schuldig fühlen.
 
➡️ Ein Kind erfährt, dass es weder geplant noch gewollt war. Die Eltern heirateten aufgrund der Schwangerschaft viel zu jung, stritten permanent und ließen sich schließlich wieder scheiden. Ein Scheidungskind fühlt sich schuldig – sowohl für den Streit als auch für die Trennung. Es versucht alles wiedergutzumachen, indem es sich z.B. um die Mutter kümmert, besonders brav und pflegeleicht ist.
 
➡️ Kinder, die misshandelt oder missbraucht worden sind, geben sich häufig eine Mitschuld. Auf der einen Seite, weil diese Empfindung vom Täter geschürt wird. Auf der anderen Seite, weil ein völliger Kontrollverlust über eine solche Situation psychisch kaum zu verkraften ist. Deshalb reden sie sich ein, dass es ihr eigener Wille, ihre eigene Schuld gewesen ist.
 
➡️ Kinder haben erst einmal einen ganz gesunden Egoismus und wollen tun was ihnen Spaß macht. Durch die Erziehung erlangen sie die Fähigkeit, sich gesellschaftlich angepasst zu verhalten. Es entsteht allerdings ein innerer Konflikt zwischen dem was sie wollen und dem, was die anderen von ihnen verlangen. Setzen sie ihren eigenen Kopf durch, kann dies zu Schulgefühlen führen. Tun sie was die anderen wollen, sind sie unglücklich – weil sie gegen die eigenen Interessen gehandelt haben. In ihnen streiten sich somit zwei Persönlichkeitsanteile. Dieser Streit setzt sich im Erwachsenenalter fort. Viele müssen dann z.B. das Neinsagen ohne schlechtes Gewissen erst einmal lernen.
 
Haben wir tatsächlich einen Fehler gemacht, können wir aus diesem lernen und es künftig besser machen: Verantwortung übernehmen, Reue zeigen und uns aufrichtig entschuldigen. Wir lernen dadurch etwas über uns selbst und über den Umgang mit unseren Mitmenschen. Über unsere eigenen und über deren Grenzen. Ohne Schuldgefühle wäre das menschliche Zusammenleben äußerst schwierig. Vielleicht sogar unmöglich. Sie verhindern, dass man Regeln oder Gesetze wiederholt bricht.
 
Zum Schluss möchte ich noch die „existenzielle Schuld“ des Menschen erwähnen, die Irvin D. Yalom – einer der bedeutendsten Psychotherapeuten des 20. Jahrhunderts – beschreibt. Dabei geht es um den Umgang mit der eigenen Freiheit, die ein Mensch hat. Jeder von uns hat einen „angeborenen Vorrat an Fähigkeiten und Potentialen und hat außerdem ein ursprüngliches Wissen um diese Potentiale“. Jemand, der es versäumt, so erfüllt wie möglich zu leben, erfährt ein tiefes, mächtiges Gefühl von existenzieller Schuld. Hierzu schreibt er folgende Geschichte: Rabbi Susya sagte: „Wenn ich in den Himmel komme, werden sie mich nicht fragen: ‚Warum warst Du nicht Moses?‘ Stattdessen werden sie fragen: ‚Warum warst Du nicht Susya?`“
 
Schuldgefühle entstehen somit auch dann, wenn die eigenen Bedürfnisse über einen längeren Zeitraum hinweg unterdrückt worden sind und man seine eigenen Potenziale nicht gelebt hat.
 
Viele Menschen haben schlichtweg vergessen und müssen erst einmal (wieder) herausfinden, was sie eigentlich wollen. Was ihnen Freude bereitet und ihrem Leben einen Sinn gibt.
 
Wenn wir uns selbst besser kennen, gelingt uns auch immer besser, mit uns selbst und anderen weniger streng ins Gericht zu gehen.
 
Wir können unseren „emotionalen Rucksack“, den wir mit durchs Leben schleppen, bewusst machen. Uns mit ihm auseinandersetzen, ihn leeren und leichter machen. Uns selbstfürsorglich und selbstverantwortlich von negativen Glaubenssätzen, Gedanken & Gefühlen befreien.
 
Es läuft sich besser mit leichtem Gepäck.
 
Manchmal brauchen wir hierfür Unterstützung von außen. Gerne begleite ich dich ein Stück auf deinem Weg in ein leichteres & erfüllteres Leben ❤️