Zur (eigenen) Natur zurückfinden

Für den deutschen Psychotherapeuten Hilarion Petzold müssen die traditionellen Therapieformen erweitert werden. Gerade gegen Stress und Depressionen seien Naturtherapien Erfolg versprechend.

Für Sie gehören alternative Methoden wie Garten- und – Landschaftstherapie zwingend ins Konzept der Psychiatrie und – Psychotherapie. Weshalb?

Der Mensch hat durch die Evolution einen angeborenen Naturbezug. Doch er wird der Natur durch die moderne Zivilisation und Arbeitswelt immer stärker entfremdet. Zudem raubt uns die dramatische Veränderung der Umwelt den Raum, um unsere motorischen und sensorischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Stattdessen stehen wir unter Stress. Naturtherapien helfen Menschen, die Zivilisationsschäden an Körper und Seele haben, wieder zur Natur zurückzufinden.

Der Schweizer Psychiater C. G. Jung sagte: Je zivilisierter der Mensch ist, desto weniger vermag er dem Instinkt zu folgen. 

Dem Menschen ist die Natur im eigenen Körper ja am nächsten. Wenn er diesen wahrnimmt, ist die Gefahr am kleinsten, dass er sich in einen destruktiven Lebensstil begibt – zum Beispiel durch Drogen oder Überstress. Heute zeigt die wachsende Zahl an Burn-outs und Depressionen aber, dass die Sensibilität für den eigenen Körper und die Seele verloren geht. Die Naturtherapie will dieses Bewusstsein wiederherstellen und soll die traditionellen Therapieansätze ergänzen.

Wieso ist das Umweltbewusstsein so wichtig?

Unsere Veranlagung ist, die Welt zu entdecken. Der wichtigste Antrieb ist nicht Sexualität und Aggression, wie Freud das meinte, sondern die Neugierde. Und wir wollen grundsätzlich gemeinsam in Gruppen die Welt entdecken. Mit diesen natürlichen Antrieben wird ein Kleinkind, aber auch die Jugend, die sich übermässig im Cyberspace aufhält, vielfach nicht mehr bedient.

Dann gehe ich einfach in die Natur und werde glücklich.

Und empfinde die Schönheit. Dann kommt das Wohlbefinden.

Dann könnte ich auch ins Wellness gehen oder wandern.

Als Gesundheitsvorsorge stimmt das. Die Naturtherapie befasst sich aber mit Menschen, deren Naturentfremdung schon krank macht. Wir setzen dann ein Bündel von Massnahmen als Heilmittel ein. Mit dem Kontakt zur Erde und den Pflanzen in der Gartentherapie kommt man zu multisensorischen Erfahrungen in einer Gemeinschaft. Tiergestützte Therapie hilft traumatisierten Menschen, die das Vertrauen in Menschen verloren haben, wieder Kontakt aufzunehmen. Die Empathie des Tieres, zum Beispiel eines Hundes oder Pferdes, hilft dabei.

Eine Gartentherapie hilft also, selbst wenn Menschen nie empfänglich waren für die Natur?

Wer als Süchtiger oder Depressiver klinisch auffällig wird, kommt früher oder später in eine Klinik. Dort wurden Patienten früher vielfach nur in Gesprächs- und Gruppentherapien behandelt, obwohl man schon im 19. Jahrhundert gartentherapeutische Ansätze kannte. Aber es zeigt sich, dass man zum Beispiel mit Menschen, die aus sprachbenachteiligten Schichten stammen, allein mit Gesprächen nicht weiterkommt. Blumen hingegen sprechen an, hier wird reflektiert und kommuniziert in einem lebendigen Kontext. Es ist für Menschen auch weniger stigmatisierend, wenn auch ihre gesunden Seiten wahrgenommen und bestärkt werden.

Ist der Erfolg wissenschaftlich belegt?

Ja, es braucht aber noch mehr Untersuchungen, weil das Feld der Naturtherapie noch jung ist. In Japan zum Beispiel gibt es eine Bewegung, die sich übersetzt «Waldbaden» nennt. Aufwendige Untersuchungen belegen, dass regelmässige Spaziergänge in Nadelwäldern das Immunsystem positiv beeinflussen, im Gegensatz zum Spazieren in der Stadt. In Neuseeland übrigens gibt es bereits sogenannte grüne Verschreibungen; erschöpfte und depressive Menschen können quasi auf Kosten der Krankenkasse in die Natur gehen.

Sie sagen, komplexe Störungen verlangten komplexe Massnahmen. Wie meinen Sie das?

Die meisten traditionellen Therapieformen sind zu begrenzt, da braucht es eine Öffnung. Ich nenne das Integrative Therapie. So ist denn in der modernen Psychiatrie das Wichtigste nicht irgendeine Therapiemethode, sondern ein Bündel von Massnahmen. Eine personalisierte Medikation ist nur ein Element. Bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen etwa setzt die Harvard Medical School auf Alltagsgespräche, Arbeitsbegleitung und Achtsamkeit beim Erleben der Natur. In Holland, Skandinavien und zunehmend in Deutschland und der Schweiz sind solche Therapien populär.

Und sind sie auch kostengünstig?

Werden Naturtherapien im Rahmen von psychotherapeutischen und psychiatrischen Therapien eingesetzt, hat man die Möglichkeit, die Behandlungszeiten zu verkürzen, die Medikamente zu reduzieren und einen Transfer der Therapiewirkung in den Alltag zu erreichen.

Das heisst?

In allen grossen Drogenprojekten, die ich seit den 60er-Jahren begleite, sind die tiergestützte und die Gartentherapie im Behandlungskonzept integriert. Das ist eine kostengünstige Methode mit starken Effekten über die Behandlungszeit hinaus, weil der Mensch etwas mitnehmen kann. Wenn jemand in einer Gartentherapie gelernt hat, dass das Gärtnern ihm guttut, heilsam für seine Seele ist, dann hat er die Möglichkeit, das auch Zuhause zu machen oder sich einer Gartengruppe anzuschliessen.

Entscheidend ist also, was ausserhalb der Behandlung passiert?

Unbedingt. Grosse Metaanalysen zeigen, dass nur bis 15 Prozent der Therapiewirkung von der Methode abhängen, weitere 15 Prozent sind Placeboeffekte. Für bis zu 30 Prozent des Erfolgs ist eine gute Beziehung mit dem Therapeuten verantwortlich. Der grösste Einfluss ist aber extratherapeutischer Art, zum Beispiel eine neue Freundin, ein neuer Arbeitsplatz oder der Verlust des Jobs, Freundschaften, Scheidung. In diesem Bereich des Alltäglichen greifen auch die Naturtherapien, indem man den Patienten zu einem veränderten Lebensstil motiviert. Wenn ich depressiv bin, muss ich versuchen, unter Leute zu gehen, etwa mit einer Gruppe ein Lauftraining zu beginnen – möglichst in der Natur.

Wie motivieren Sie Ihre Patienten?

Indem ich nicht manipuliere, sondern überzeuge – auch mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wenn mein Patient durch Atemübungen spürt, wie er sich nach einer halben Stunde besser fühlt, dann überzeugt ihn das. Verbessert er nach vier Monaten Lauftraining seine Kondition und sein Befinden, dann ist er stolz auf seine Leistung. Unsere Grundhaltung ist, dass man bei Schwierigkeiten eine Therapie oder Beratung gleichsam als Medikament nutzen kann – bevor man abstürzt.

Quelle: Interview Martin Läubli vom Tagesanzeiger Zürich am 22.08.2014 mit Hilarion Petzold „In Japan geht man zum Waldbaden“ Link zum Artikel

 

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Stressabbau

So kann Natur-Therapie helfen. Wie du den Wald nutzen kannst und deinen Wohlfühlort (am besten in der Nähe!) findest, erklärt die Natur-Therapeutin Sandra Knümann

Interview von Franziska Wolffheim („emotion“)

EMOTION: Frau Knümann, Sie bieten seit 25 Jahren Therapiestunden und Seminare in der Natur an. Muss man bei Ihnen eigentlich Bäume umarmen? Nein, bei mir muss man überhaupt nichts. Wenn jemand Lust hat, einen Baum zu umarmen oder mit ihm zu sprechen, darf er das natürlich gern tun. Aber es gibt keinen Zwang, denn jeder hat wirklich seinen eigenen Zugang zur Natur.

Wie sieht denn eine Natur-Therapiestunde mit Ihnen aus? Wir gehen erst einmal ein Stückchen schweigend zusammen. Die Klienten können dabei in sich hineinspüren, welches Thema für sie gerade eine Rolle spielt. Ein Klient hatte zum Beispiel großen Stress mit seinem Chef. Im Wald hat er dann versucht, diesem Stress genauer nachzugehen. Er hat ein Waldstück gefunden, wo es eine Mulde und einen kleinen Hügel gab, und hat mit Stöcken, Zapfen und Blättern die Hierarchien in seiner Firma nachgebaut. Am Ende sah er sich selbst ganz klein in der Mulde, der Chef war ein großer Fichtenzapfen, den er auf den Hügel gestellt hatte, weit über ihm. Erst da draußen im Wald ist ihm klargeworden, wie stark seine Unterlegenheitsgefühle sind, die ich dann glücklicherweise mit ihm zusammen bearbeiten konnte.

Hätte Ihr Klient nicht auch im klassischen Praxisraum darauf kommen können? Nicht in dieser Weise. Viele meiner Klienten wollen auch nach draußen, weil es ihnen leichter fällt zu reden, wenn sie sich bewegen und nicht so frontal angeschaut werden. Die Natur hilft ihnen, sich zu öffnen. Depressive Menschen empfinden sich innerlich oft als leblos, sie sehen keinen Sinn in ihrem Leben. Die Natur konfrontiert sie mit ihrer Lebendigkeit, sie haben das Gefühl, gehalten zu werden und geborgen zu sein.

Sollen Ihre Klienten ganz allein Bilder finden, die für sie passen, oder geben Sie ihnen Hinweise? Jeder kann nur ganz allein herausfinden, welche Bilder zu ihm passen. Bei schwierigen Entscheidungen biete ich aber manchmal an, eine Wegkreuzung als Metapher zu verwenden. Jeder Weg steht dann für eine Entscheidungsvariante. Indem der Klient beide Wege ein Stück weit geht und dabei aufmerksam auf die Umgebung und seine Reaktion achtet, gewinnt er häufig Klarheit. Wichtig ist, dass die Klienten mit einer offenen Haltung losgehen, ohne allzu konkrete Erwartungen. Plötzlich sieht man Bilder und Symbole, mit denen man gar nicht gerechnet hat und die etwas in einem klären können. Die Natur steckt voller Überraschungen – man muss sich nur darauf einlassen.

Warum ist der Kontakt zur Natur überhaupt so wichtig, wenn wir nach Entspannung suchen? Weil sich die Aufmerksamkeit verlagert, sie fließt von meinen Sorgen und Befindlichkeiten nach außen, dadurch bekomme ich Distanz. Im Alltag sind wir meistens sehr fokussiert und zielgerichtet. Wir meinen, alles kontrollieren und im Griff haben zu müssen, wir kreisen um uns selbst, um unsere Probleme, die Aufgaben, die zu bewältigen sind. Wir glauben, immer eine Meinung zu allem haben zu müssen. Auf Dauer ist es aber sehr anstrengend, diese Ich-Spannung, wie es in der Psychologie heißt, aufrechtzuerhalten. In der Natur ist das nicht nötig, wir können uns treiben lassen, unsere Aufmerksamkeit ist nicht gerichtet, sondern darf umherschweifen. Dadurch haben wir auch mehr Zugang zu unserem kreativen Potenzial. Wenn wir ständig eine Aufgabe nach der anderen erledigen, leidet unsere Kreativität.

Ich habe heute den ganzen Tag am Schreibtisch gesessen und war nur kurz draußen, um einzukaufen. Habe ich aus Ihrer Sicht alles falsch gemacht? Ich wäre da nicht so streng. Aber sicherlich ist es gut, wenn man sich den Kontakt zur Natur jeden Tag ein bisschen bewahren kann, wir Menschen sind ja selbst Natur und vergessen das häufig. Ich habe das Glück, dass ich den Wald gleich um die Ecke habe. Doch auch in der Großstadt gibt es Parks, Seen und Flüsse, wo man sich erholen kann. Wenn man nicht so viel Zeit hat, kann man zumindest den Blick auf ein besonderes Detail richten. Das können die blühenden Krokusse sein, die Knospen an den Bäumen oder die rötliche Wolke am Abendhimmel. Wenn man achtsam ist und genau hinschaut, kann die kleine Blume plötzlich ganz groß werden.

Wieso fällt es uns in der Natur leichter, die Gedanken fließen zu lassen? Weil hier alle unsere Sinne angesprochen werden. Ich kann mir Blätter anschauen, den Vögeln zuhören, die Gerüche der Bäume wahrnehmen, das Moos berühren oder eine Walderdbeere in den Mund stecken. Je mehr ich mich meinen Eindrücken hingebe, umso lebendiger fühle ich mich und kann mich öffnen.

Manche Menschen haben aber erst mal große Schwierigkeiten, loszulassen, sich von ihrem Alltag zu entkoppeln. Das stimmt, viele meinen, ständig etwas machen zu müssen. Ich empfehle dann, sich etwas in der Natur zu suchen, das sich deutlich sichtbar bewegt. Wir können uns zum Beispiel an einen Bach setzen und zuschauen, wie das Wasser fließt, ganz von allein. Wir können die Blätter beobachten, die im Herbst von den Bäumen fallen. Wir müssen gar nichts dabei tun, die Natur macht das von selbst. Dieses Beobachten und Nichts-tun-Müssen kann sehr entspannend und entlastend sein.

Ein neuer Gesundheitstrend, der aus Japan kommt, heißt „Waldbaden“. Ist das nur eine Mode für entnervte Städter oder gibt es dafür einen wissenschaftlichen Hintergrund?
Tatsächlich geht man davon aus, dass der Wald eine heilende Wirkung auf den Menschen hat. Studien haben ergeben, dass die Pflanzen im Wald chemische Verbindungen, sogenannte Terpene, in die Luft abgeben, um miteinander zu kommunizieren. Von diesen Terpenen profitieren auch wir Menschen, denn sie aktivieren unsere natürlichen Killerzellen und stärken damit das Immunsystem. Darüber hinaus weiß man schon länger, dass die Natur eine positive Wirkung auf Körper und Geist hat: Der Blutdruck sinkt, das Stresshormon Kortisol wird abgebaut, das Angst- und Depressionsniveau nimmt ab.

Welche Landschaft hilft am besten, um zur Ruhe zu kommen: Wald, Meer, Berge oder Wüste?
Jede Landschaft hat ihre eigenen Qualitäten. Das Meer bietet Freiheit und Weite, der Wald eher Geborgenheit. Zur Ruhe kommen kann man überall. Viel wichtiger finde ich, dass wir Wohlfühlorte in unserer Nähe finden, statt auf der Suche nach dem Paradies um die ganze Welt zu jetten. Wenn mein Bauchgefühl mir sagt, dass ich gerade viel Luft und Weite brauche, kann ich auf einen Hügel oder ans Flussufer gehen. Wenn mir eher danach zumute ist, mich zu verkriechen, lasse ich mich vom Wald verschlucken. Und dann gibt es ja noch jede Menge Zwischentöne, die wundervoll sein können, etwa lichte Wälder oder schroffe Küsten.

Link zum Interview von Franziska Wolffheim von der Zeitschrift „emotion“ (23.07.2018) hier klicken

Mehr über Sandra Knümann: www.pan-praxis.de

Was macht der Wald…

… mit Psyche und Körper? Der Wald ist mehr als nur ein Ort voller Bäume. Unterwegs mit einem Psychologen, der die Natur zur Therapie nutzt – von Anja Worschech

„Mitten im Wald. Meine Augen sind geschlossen. Ein Ast streift mein Gesicht. Ich spüre die Nadeln, die meine Haut kitzeln und über meine Augen wischen. Vorsichtig strecke ich die Arme aus. Ich bekomme einen Stamm zu fassen. Die Rinde ist weich und angenehm kühl. Langsam zieht mich die Hand des Naturtherapeuten weiter. Unter meinen Sohlen rascheln vertrocknete Blätter, Äste brechen. Ich gehe in die Hocke und erkunde den Waldboden. Es riecht nach feuchter Erde, Moos und Wald. Ein beruhigender Duft. Eine Wurzel drückt sich in meinen Rücken. Ich rutsche etwas nach links und entdecke eine zweite – mein Rücken passt genau dazwischen. Die Wurzeln umfassen mich wie zwei starke Arme. Geborgenheit. Ich lausche der Stille im Wald und werde dabei selbst ganz ruhig. Sind vorher meine Gedanken noch mit dem Alltag beschäftigt gewesen, liegt mein Fokus jetzt ganz bei mir selbst im Hier und Jetzt des Waldes.

Der Wald ist ein guter Ort für eine Therapie

Solche begleiteten Spaziergänge durch den Wald gehören zu den Übungen des Psychotherapeuten Wernher Sachon aus Bad Wörishofen im Allgäu. Zu dem Psychologen kommen Leute mit Burnout, Depressionen und Ängsten. Immer häufiger kommen auch Menschen mit dem diffusen Gefühl: Mir fehlt etwas. Dabei meinen sie einen Zustand des Nicht-komplett-Seins, das in ihnen oft ein Gefühl der Leere, Traurigkeit und Sinnlosigkeit hinterlässt. Sachon prägt im deutschsprachigen Raum die existenzialpsychologische Naturtherapie. Bei diesem Ansatz geht es um die Entwicklung, Stärkung und Heilung des eigenen Selbst. Oft tauchen dabei Fragen auf wie: „Wer bin ich?“, „Was ist der Sinn meines Lebens?“ und „Wie will ich eigentlich leben?“. Dazu nutzt der Psychologe Naturräume wie den Wald oder die Bergwelt als Kraftort und Quelle der Selbstheilung. Dort können sich Menschen wieder auf sich selbst besinnen und mental regenerieren.

Die Sehnsucht nach Natur hat Hochkonjunktur. Waldkindergärten, Pilgerangebote, Weitwanderwege, Outdoor- und Wellnessreisen boomen. Kurzum, die Menschen suchen die Naturerfahrung, die im Alltag oft zu kurz kommt. Jeder kennt das erholsame Gefühl nach einem langen Spaziergang. Physiologisch steckt dahinter noch viel mehr als nur Bewegung und frische Luft. Ein Spaziergang in der Natur senkt die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Adrenalin-Ausschüttung. Der Sauerstoff, die Ruhe und die ätherischen Duftstoffe stärken das Immunsystem. In Japan ist das Waldbaden, auch Shinrin-Yoku genannt, schon lange bekannt und eine anerkannte Stress-Management-Methode. Das „Eintauchen in den Wald“ wird sogar vom Gesundheitssystem gefördert. Seit 2012 existiert an den japanischen Universitäten das Fach „Forest Medicine“ – also Waldmedizin.

Wald-Therapie ist in anderen Ländern weiter verbreitet

Wernher Sachon sitzt auf den Schilfrohrmatten in seiner Therapie-Hütte in Oberegg. Hier finden seine Weiterbildungen und Naturtherapie-Sitzungen statt, wenn er nicht gerade in seiner Wörishofer Praxis ist. Die Holzhütte liegt auf einer kleinen Wiese umgeben von Moorbirken. Dahinter plätschert die Mindel und windet sich in Schlangenlinien durch die Wiese. Zitronenfalter flattern vor dem Hütteneingang. Der vierfache Vater strahlt Ruhe aus. Er ist einfach gekleidet, graues Shirt, Jeans und schwarze Turnschuhe. Wenn er redet, wandern seine Augen auf der Suche nach den richtigen Worten hin und her. Sein Redefluss wird immer lebhafter, je mehr er auf die Veränderungen in der Gesellschaft zu sprechen kommt, die seine Arbeit erst nötig machen.

Wissenschaft und Technik seien es, die unser Leben dominieren. Die Maxime: Der Mensch kann alles erreichen, wenn er nur wolle. Es gilt das Hochleistungsprinzip. Die Grundhaltung: funktionieren. Das sei das eigentliche Problem, so Sachon: „Wir funktionieren im Alltag nur noch. Auch als Vater, als Mutter, in Beziehungen, ja sogar in der Freizeit.“ Alles sei bestimmt durch ein längst verinnerlichtes „müssen“. Selbst das Reisen mutiere dabei oft zu einem Marathon der Sehenswürdigkeiten. Es ist das viel beschriebene Hamsterrad, ein ewig sich wiederholendes Ableisten von Pflichten und Zwängen – von Vorankommen und von Erholung keine Spur.

Psychische Erkrankungen nehmen in der Gesellschaft zu

Für Sachon auch ein Grund, warum es heute so viele psychische Erkrankungen gibt. „Die Menschen haben verlernt, die Existenzweisen zu kultivieren und Erlebnisräume zu pflegen, die wir benötigen, um Leib und Seele immer wieder zu regenerieren und wenn notwendig auch unser Heilen zu fördern.“ Der Psychologe vergleicht das mit einer Schnittwunde. Im Körper setzen in so einem Fall ganz von selbst die ersten Reparaturprozesse ein. Die Gefäße werden enger, damit der Blutverlust möglichst gering ist, die Wundränder klappen nach innen, die Wundheilung beginnt. Werde dagegen die Psyche verletzt – sei es durch Überforderung, Erschöpfung oder Kränkung des eigenen Selbstwertgefühls – schaffen viele Menschen genau diesen Schritt nicht mehr.

Gleichzeitig fehle den Menschen bei all den Veränderungen in der Welt etwas, an dem sie sich orientieren können. „Sie spüren und wissen nicht mehr, wer sie selbst sind. Sie sind häufig innerlich zerrissen“, erklärt Sachon. Ihnen fehle das Fundament. Der Psychologe sieht das Problem auch in der zunehmend einseitigen Erziehung. Bereits mit frühkindlicher Bildung werden die Kinder zu Kopfmenschen erzogen und ihnen die Prinzipien einer Leistungsgesellschaft vermittelt: wissen, funktionieren, gebildet sein.

Der Wald ist voller Geräusche

Zurück im Wald. Wir laufen schweigend, jeder für sich. Es geht darum, sich treiben zu lassen und sich frei von seinem innersten Interesse leiten zu lassen. Was meine Aufmerksamkeit erregt, da verweile ich. Ein Kuckuck ruft, ich schaue in die Baumwipfel. Im Gehölz knackt es – vielleicht ein Reh? Neben dem Schotterweg läuft ein Bächlein, hübsche Blumen und Kräuter wachsen daneben. Ich zupfe ein paar ab und rieche daran. Jeder Wald hat eine andere Wirkung. In einem dichten Nadelwald empfinden viele Menschen Geborgenheit. In einem Buchenwald herrscht dagegen eine majestätisch, erhabene Atmosphäre. Jeder Mensch brauche etwas anderes in der Natur. Sachon ist es vor allem wichtig, die Natur direkt vor der Haustür zu nutzen. Das „Auftanken“ in der Natur verlangt Übung, aber dann ist sie ein heilsamer Kraftort.

Vor 30 Jahren steckte Sachon selbst in einer Krise. Er war selbstständig und arbeitete als Psychologe von morgens bis abends. Im 50-Minuten-Takt kamen die Klienten. So konnte und wollte er nicht weitermachen. Sachon erinnerte sich damals an seine Kindheit, als er zusammen mit anderen Kindern bei jeder Gelegenheit draußen unterwegs war und er begann dieses freie Umherstreifen wieder in sein Leben zu integrieren. Er fühlte sich wieder lebendig. Diese positive Wirkung der Natur bot er auch für seine Klienten an und stellte nach den Waldspaziergängen und den anschließenden therapeutischen Gesprächen erstaunliche Entwicklungen fest. Natur inspiriert, weckt die Fantasie, die Kreativität, Sehnsüchte und Lebensträume. Natur ist ein besonderer Freiraum. Hier brechen die Schutzhüllen leichter auf und die Menschen legen ihre Rolle, funktionieren zu müssen, schnell ab.

Die Natur bietet Raum, sich auf Wichtiges zu besinnen

Doch es kann auch zu schmerzhaften Erfahrungen kommen. Wer sich für die Natur öffnet, öffnet sich immer auch selbst und wird dabei emotional bewegt. Das kann Trauer um einen zerplatzten Lebenstraum sein, Wut über den falschen Job oder Verzweiflung über eine komplizierte Partnerschaft. Gleichzeitig biete die Natur die Chance, sich auf das, was wirklich zähle, zu besinnen und sich selbst weiterzuentwickeln – sie selbst schafft es schließlich immer wieder, sich zu erneuern.

Doch warum ist das Bedürfnis der Menschen nach Natur überhaupt so stark? Der Philosoph Friedrich Nietzsche sagte: „Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.“ Die Pflanzen und Tiere stellen keine Erwartungen an uns. Die Natur als ein Gegenentwurf zur Kontrollwelt im Alltag. Wernher Sachon sagt: „Hier haben die Mensch das Gefühl, dass sie einfach so sein dürfen, wie sie sind.“ In der Natur finde der oft von seiner Ursprünglichkeit entfremdete Mensch wieder eine Verbindung zu sich selbst. Er werde offen für das, was er brauche, und lerne, in sich hineinzuhorchen. Dabei sei die Naturtherapie keine Behandlung und der Wald kein Medikament. Es komme auf die Haltung und das Sich-Einlassen an, so der Therapeut. „Die Natur ist kein Automat.“

Die eigene Einstellung ist entscheidend

Barfuß wandern wir über die Wiesen am Waldrand. Ein eigenartiges Gefühle, aus den Schuhen herauszukommen. Das Gras stupft und so manche Brennnessel findet ihren Weg an meine Knöchel. Jeden Schritt setzen wir bewusst. Es geht darum, die Schwerkraft zu spüren. Sachon entdeckt einen Käfer, kniet sich hin und beobachtet ihn. Dann zieht es ihn weiter. Dieses sich Treiben-Lassen fühlt sich tatsächlich erholsam an. Ohne Plan und Konzept umherzustreifen entspannt.

Übrigens sei es bei vielen Menschen gar nicht das Zu-viel an Arbeit, das krank macht, sondern das Fehlen von echter Erholung. Arbeiten und Geldverdienen sind nötig, um leben zu können – das stellt auch Sachon nicht infrage. Es sei jedoch die Balance, die den Menschen immer häufiger abhandenkommt. Regelmäßige Waldspaziergänge sind eine Möglichkeit, diese wieder neu zu finden.“

Artikel aus der „Augsburger Allgemeine“ von Anja Worschech

Link zum Zeitungsartikel

„Draußen sein“

Auszug aus dem Artikel „Draußen sein“ von Anke Sparmann (Zeit Magazin)

„Kurpark von Bad Wörishofen. Rosengarten, Rasenflächen, Springbrunnen, der Weg nimmt Anlauf und schwingt sich über hügelige Wiesen hinweg in den Wald. Dahinter, wo das Allgäu schroff und wild wird, hat Wernher Sachon eine Hütte. Sein Rückzugsort, wenn er am Anschlag ist. Sachon hat vier Kinder und einen anstrengenden Beruf. Er ist Psychotherapeut.

In seine Praxis kommen Menschen mit Ängsten, Depressionen, Burn-out. Quittungen der Psyche für … tja, für was? Schlechte Kindheit, zermürbenden Job, gebrochenes Herz, die Komplexität des modernen Lebens schlechthin? Das Tollste an seinem Beruf, sagt Sachon, sei dieser Moment, wenn Therapeut und Patient einander in die Augen sehen und beide sagen: „Ja. Die Menschen können mit den furchtbarsten Einsichten fertig werden, wenn sie nur tief in sich spüren, das ist jetzt wahr.“

Um an diesen Punkt zu kommen, nutzt Wernher Sachon in seinen Therapien die Natur. Ein paar Tage Wildnis, dort geht es ums Wesentliche. Der Schutzpanzer der Menschen, errichtet, um die Zumutungen der Welt nicht ranzulassen, bricht auf. „Dann sehe ich“, sagt Sachon, „sie werden wieder lebendig!“

Doch die Ausflüge, die Sachon mit seinen Patienten ins Grüne macht, zielen nicht auf Stressreduktion und Erholung, sondern auf persönliche Veränderung. Der erste Schritt dorthin kann schmerzhaft sein. Wer sich für eine Landschaft öffnet, ihre Weite oder Stille spürt, wird innerlich bewegt. Rohe Emotionen steigen hoch. Trauer um Träume, die sich nicht realisiert haben. Wut darüber, vom Partner verlassen worden zu sein – oder im falschen Beruf auszuharren. Doch die Natur, sagt Wernher Sachon, weise uns auch Wege, uns weiterzuentwickeln. Besonders dort, wo Tiere und Pflanzen sich frei entfalten: in wilden Wäldern, auf wuchernden Wiesen. Dort also, wo die Natur ihre unbändige Kraft zeigt, sich immer wieder zu erneuern und von selber ins Gleichgewicht zu finden.

In der Krise begibt sich der Mensch in die Wildnis, erlebt sich selbst als Teil eines lebendigen, sich selbst regulierenden Prinzips, kehrt, innerlich gereift, mit neuem Vertrauen darauf, dass die Dinge wieder in Ordnung kommen, in den Alltag zurück. Gibt es ein schöneres Ende für die Geschichte von Mensch und Natur?“

Hinter der Geschichte: Anke Sparmann, Landkind, ist nach Jahren in der Großstadt wieder aufs Dorf gezogen. Ihr Traum: eine Streuobstwiese. Im Weg: Hunderte Quadratmeter Brombeergestrüpp – und eine gewisse Trägheit. Nach dieser Recherche griff sie sofort zur Heckenschere. Eine erste Schneise durchs Dornendickicht existiert bereits.

http://www.zeit.de/zeit-magazin/2017/20/natur-wohlbefinden-gesundheit-wald-wissenschaft

Mehr Informationen über die Naturtherapie erfahren Sie auf www.exist-schule.de

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