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Nähe trotz Distanz

Soziale Isolation und Ausgangssperren widersprechen dem Wesen des Menschen. Sie sind unnatürlich, denn evolutionär betrachtet sind wir keine Einzelgänger – wir brauchen die menschliche Gemeinschaft. Normalerweise halten wir in Extremsituationen zusammen und schenken Trost durch Berührung und Umarmung. Momentan dürfen wir mit unseren Händen nicht trösten – wir sollen sie nur noch waschen. Das ist für viele belastend.

Der Gedanke daran, dass wir dieses Leid teilen und die Überlegung, warum es diese Einschränkungen gibt bzw. welchen Nutzen sie haben, machen alles erträglicher: „Ich bleibe zu Hause, damit ich andere und mich selbst nicht gefährde.“

Wie können wir diese schwierige Ausnahmesituation gemeinsam meistern? Indem wir uns gegenseitig unterstützen. Jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. So schaffen wir Nähe trotz räumlicher Distanz.

Gestern habe ich darüber geschrieben, wie jeder von uns selbst aktiv werden und sein Immunsystem stärken kann. In dieser schwierigen Zeit ist es ebenfalls wichtig, unsere Beziehungen zu pflegen und zu stärken. Ich bin keine Paartherapeutin und möchte euch lediglich daran erinnern.

In Wuhan sind die Scheidungszahlen gestiegen, weil sich die Ehepaare unter der Quarantäne auf die Nerven gegangen sind. Durch die (ungewohnt) viele gemeinsame Zeit, die wir zwangsweise miteinander verbringen, können ganz schnell alte, unbewältigte Konflikte aufbrechen und neue entstehen. Hinzu kommen Ängste und Sorgen und diese Kombination kann auch für die stärkste Partnerschaft zur echten Herausforderung werden.

Wichtig ist ein konstruktiver Umgang miteinander, denn einseitige Schuldzuweisungen sind weder fair noch hilfreich. Manchmal geht es auch bei einem Streit von Erwachsenen wie im Kindergarten zu. Zuhören fällt dann nicht leicht. Wir können versuchen, die Sichtweise des Gegenüber zu verstehen. Uns entschuldigen, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Eine Vertrauensperson anrufen, wenn wir mal Dampf ablassen müssen. Jeder braucht ab und zu eine Verschnaufpause. Jeder hat unterschiedliche Bedürfnisse – auch im Hinblick auf Nähe und Distanz. Diese müssen geäußert und respektiert werden.

„Darin besteht die Liebe: Dass sich zwei Einsame beschützen und berühren und miteinander reden.“ Rainer Maria Rilke