Urlaub fürs Oberstübchen

Aufmerksamkeit ist eine der wichtigsten Basisleistungen unseres Gehirns. Wir müssen überall aufmerksam sein – sei es in der Schule, bei der Arbeit, im Haushalt oder Straßenverkehr.

„Beim Autofahren werden alle Teilprozesse der Aufmerksamkeit kontinuierlich benötigt. Man muss wachsam sein (Arousal), die Aufmerksamkeit auf einen Reiz auf der Straße konzentrieren können (fokussierte Aufmerksamkeit), über einen langen Zeitraum aufmerksam sein (Daueraufmerksamkeit), Ablenkungen durch irrelevante Reize verhindern (selektive Aufmerksamkeit), die Aufmerksamkeit von einer Fahrbahn auf die andere, zum Spiegel und zurück zur Fahrbahn lenken können (alternierende Aufmerksamkeit) und fähig sein, gleichzeitig alle Tätigkeiten, die für das Fahren nötig sind, auszuüben: die Pedale betätigen, das Lenkrad steuern, den Gang verändern (geteilte Aufmerksamkeit).“ (https://www.cognifit.com/de/aufmerksamkeit)

Ein alltäglicher Vorgang, der in dieser Beschreibung plötzlich ganz schön komplex & anstrengend klingt, nicht wahr!? Erstaunlich, was wir jeden Tag leisten! Und doch ist es für viele wie selbstverständlich.
Wirklich schätzen können wir diese Fähigkeit häufig erst dann, wenn wir sie – aus welchen Gründen auch immer – einmal verloren haben.

Vor über 10 Jahren musste ich diese Erfahrung machen, nachdem ich durch einen Unfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte. Buchstäblich war mit einem Schlag alles anders und glücklicherweise hatte ich schon damals einen guten Draht zu „Doktor Natur“. Vom Krankenbett aus konnte ich einen Baum beobachten – er war aufrecht und im Gleichgewicht. Ein Symbol für Leben, Kraft und Standhaftigkeit. Sein Anblick war Balsam für meinen Körper und meine Seele. Die heilsame Wirkung dieses „Baumblicks“ ist übrigens wissenschaftlich erwiesen, was ich zum damaligen Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste.

Später zog es mich hinaus in die Natur und ich lief langsame und achtsame Runden im Wald. Die Ärzte waren über meine rasche Genesung gleichermaßen erstaunt und positiv überrascht. Ich hatte instinktiv die richtige „Wald-Medizin“ für mich gefunden, durch die mir die Einnahme von Medikamenten erspart blieb. Naturerfahrungen können Schmerzen lindern – auch das ist wissenschaftlich belegt.

Nach einigen Monaten bekam ich das Okay meines Neurologen und setzte mich wieder hinters Lenkrad. In diesem Moment wurden mir die o.g. „Teilprozesse der Aufmerksamkeit“ so bewusst wie nie zuvor. Die 75PS meines PKW fühlten sich plötzlich gewaltig an und ich kam mir vor wie in einem Formel-1-Rennwagen. Anfangs fuhr ich wie eine Fahrschülerin in der ersten Fahrstunde, doch recht bald kehrte meine alte Sicherheit zurück. Trotzdem war diese „gerichtete Aufmerksamkeit“ im Straßenverkehr anstrengend. Deshalb legte ich nur kurze Strecken zurück: mit meinem Hund zum Waldrand und nach dem Spaziergang wieder nach Hause zurück. Zwischen den beiden Fahrten erholte ich mich im „großen Grün“. Denn dort spielte eine ganz andere Form der Aufmerksamkeit eine Rolle: die Naturfaszination.

Über diese schreibt Clemens G. Arvay in seinem Buch „Der Biophilia Effekt“: „William James und die beiden Psychologen Rachel und Stephen Kaplan haben herausgefunden, dass Naturfaszination als eine besondere Form der Aufmerksamkeit dazu führt, dass sich unsere Kapazität für die gerichtete Aufmerksamkeit, die wir im Alltag, in der Schule und im Beruf benötigen, wieder erholen kann. Daher sprechen sie von der Aufmerksamkeits-Wiederherstellung… Wenn wir uns von der Natur faszinieren lassen, was ganz automatisch geschieht, sobald wir uns mit geöffneten Sinnen durch die Landschaft bewegen, kann die gerichtete Aufmerksamkeit ruhen, wird durch Faszination abgelöst…“

Am vergangenen Wochenende zog mich eine Blumenwiese am Waldrand förmlich an. Sie faszinierte mich! Ich betrachtete jede Blüte und war begeistert von diesem Anblick. Jede für sich ein Kunstwerk – ein Wunder der Natur. Die Krönung waren die unzähligen Besucher, deren Anblick heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist: Bienen sammelten eifrig Pollen, Schmetterlinge tranken Nektar. Wie ein Kind vergaß ich alles um mich herum und darüber hinaus sogar die Zeit. Irgendwann lief ich schließlich doch noch in den Wald und inspiriert durch die soeben gemachte Erfahrung, begab ich mich auf Blumensuche. Erstaunlich was man alles entdeckt, wenn man achtsam unterwegs ist.

Ob im Wald, auf weiten Wiesen, in den Bergen, am Meer oder im Blütenmeer – die Schönheit der Natur präsentiert sich vielfältig. Wer sich mit offenen Augen in ihr bewegt, kann bei jedem Spaziergang kleine Wunder entdecken, dabei entspannen und Kraft tanken. Regelmäßige Aufenthalte in der Natur mindern das Risiko für Krankheiten, senken psychischen Stress und stärken die geistige Leistung. Die Wissenschaftler sind sich einig: Natur ist das beste Heilmittel für unseren strapazierten Denkapparat.